
In unserer neunten Podcast-Episode steht eine Frau im Mittelpunkt, die die biologische Landwirtschaft in Österreich seit Jahren maßgeblich mitprägt: Barbara Riegler, Interessenvertreterin bei BIO AUSTRIA. Sie vertritt dort rund 12.500 Biobäuerinnen und Biobauern, begleitet politische Prozesse und setzt sich dafür ein, die Leistungen der Biolandwirtschaft sichtbar zu machen, von Tierwohl über Bodenfruchtbarkeit bis hin zur regionalen Wertschöpfung. Wir haben sie zu einem Gespräch getroffen.
Vom Hof in die Interessenvertretung
Barbara Riegler kommt eigentlich nicht aus einer klassischen bäuerlichen Herkunft, sondern aus der Gärtnerei. Der prägende Wendepunkt in ihrem Leben war dabei die Übernahme des elterlichen Betriebs ihres Mannes. Damals standen sie vor einer typischen Entscheidung vieler bäuerlicher Familien: wachsen, investieren, mehr Tiere halten oder einen anderen Weg gehen.
Der alte Stall war sanierungsbedürftig, die Optionen klar: Ausbau, mehr Kühe, mehr Flächen, mehr Maschinen. Gleichzeitig kleine Kinder, begrenzte Arbeitskraft und die Frage, wie nachhaltig dieses „immer mehr“ eigentlich ist. Statt dem Wachstumsdruck nachzugeben, entschied sich die Familie für die Umstellung auf biologische Landwirtschaft. Nicht aus Idealismus allein, sondern aus dem Wunsch heraus, den Betrieb zukunftsfähig, lebbar und wirtschaftlich tragfähig zu gestalten. Diese persönliche Erfahrung prägt Rieglers Arbeit bis heute und verleiht ihrer Rolle als Interessenvertreterin auch sehr viel Glaubwürdigkeit, vor allem aber auch Nähe zur Praxis.
Zwischen Kostenexplosion und Bio-Ausstieg
Barbara Riegler spricht ganz offen über die aktuellen Herausforderungen in der Branche. Steigende Betriebsmittelpreise, teure Maschinen, höhere Energie- und Tierarztkosten treffen auf stagnierende oder sogar sinkende Erzeugerpreise. Gleichzeitig haben sich Förderbedingungen verändert, neue Agrarprogramme sind in Kraft getreten und nicht alle waren für Bio-Betriebe attraktiv.
Die Folge: In den vergangenen Jahren sind rund 1.000 Betriebe aus der biologischen Wirtschaftsweise ausgestiegen. Ein Strukturwandel, der schmerzt. Umso widersprüchlicher ist die gleichzeitige Entwicklung am Markt. Denn Bio-Produkte verkaufen sich wieder besser, sowohl mengen- als auch wertmäßig. Der Handel freut sich, die Nachfrage steigt, doch kommt dieser Aufschwung leider nicht immer auch bei den Produzent:innen an. Nur vier von 100 Euro, die für ein Nahrungsmittel ausgegeben werden landen in der Landwirtschaft. Genau hier sieht Riegler wiederum einen politischen Auftrag: Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Bio nicht nur ideell, sondern auch wirtschaftlich tragfähig bleibt.
Unsichtbare Leistungen: Was Bio wirklich leistet
Ein zentrales Thema der Episode ist die Frage, welche Leistungen der biologischen Landwirtschaft zu wenig gesehen werden. Für Riegler ist klar: Bio ist weit mehr als „ohne Spritzmittel“.
Es geht um den Schutz der Artenvielfalt, um gesunde Böden, sauberes Trinkwasser, stabile Ökosysteme und um Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie. Gerade im Klimawandel zeigt sich, wie wichtig widerstandsfähige Böden und funktionierende Kreisläufe sind. Biologisch bewirtschaftete Flächen reagieren dabei oft resilienter auf Trockenheit, Starkregen und Wetterextreme.
Während in manchen Regionen Erträge zurückgehen, gibt es in höheren Lagen sogar neue Möglichkeiten durch längere Vegetationsperioden. Gewinner und Verlierer liegen oft nah beieinander – und Bio kann hier Teil der Lösung sein.
27 Prozent Bio – und trotzdem Luft nach oben
Österreich ist europäischer Spitzenreiter: Rund 27 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden biologisch bewirtschaftet. Ein Wert, der im EU-Vergleich heraussticht. Dennoch sieht Riegler klaren Handlungsbedarf. Denn während die Nachfrage steigt, wächst die Bio-Produktion nicht überall im gleichen Tempo vor allem in anderen EU-Ländern.
Österreich exportiert daher einen erheblichen Teil seiner Bio-Produkte, etwa Milch, Fleisch oder Getreide. Gleichzeitig gäbe es großes Potenzial im Inland, vor allem in der öffentlichen Verpflegung.
2 Millionen Mahlzeiten täglich – ein unterschätzter Hebel
Besonders deutlich wird Riegler beim Thema Gemeinschaftsverpflegung: Rund 2 Millionen Mahlzeiten pro Tag werden in Österreich außer Haus konsumiert – in Schulen, Kindergärten, Spitälern, Pflegeheimen, Kantinen. Würde hier konsequent auf Bio gesetzt, wäre das ein enormer Hebel für Umwelt, Tierwohl und die regionale Landwirtschaft.
Es gibt zwar durchaus politische Zielsetzungen, den Bio-Anteil in öffentlichen Küchen deutlich zu erhöhen, doch laut Riegler fehlt es bisher an verbindlichem Monitoring und klarer Umsetzung. Dabei wäre die Bio-Beschaffung kein Versorgungsproblem. Österreich produziert mehr Bio, als es selbst verbraucht. Es sind daher gerade die Bildungseinrichtungen, in denen Riegler eine große Chance sieht. Dort wird nämlich das Essverhalten geprägt, dort entsteht Bewusstsein für Qualität, Herkunft und Nachhaltigkeit.
Bio ist eine Haltung – keine Marketingidee
Barbara Riegler betont, dass Bio viel mehr ist, als bloß ein Siegel. Es steht für Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen, um Ernährungssicherheit, Unabhängigkeit von importierten Betriebsmitteln und um funktionierende Kreisläufe.
Nur wenn Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Konsument:innen und Politik gemeinsam an einem Strang ziehen, kann eine ökologischere Zukunft gelingen. Bio ist dafür kein Allheilmittel aber ein zentraler Baustein davon.
Titelbild © ARGE Nahtürlich Bio
